© Kino Orient  


Das Fräulein war 15 Mal im Kino Orient zu sehen, zuletzt im Mai 2017.

Das Fräulein

Andrea Staka, Schweiz, 2006
87 Min.

Es gibt Filme, die einen wie nebenbei in ihren Bann ziehen können, weil sie es vom ersten Moment an unaufdringlich schaffen, ein Klima zu vermitteln und ein Interesse für ihre Figuren zu wecken. ┬źDas Fräulein┬╗ von Andrea Staka gehört dazu. Die junge Filmemacherin, die nicht erst mit dem Goldenen Leoparden zu den grossen Talenten des hiesigen Filmschaffens gehört, weiss ganz genau, was sie erzählen will, und sie weiss auch, wie sie das in die passende und packende Form bringen kann. Ihr Film nähert sich drei Frauenfiguren, die irgendwann aufgebrochen sind, um anderswo ihr Glück zu suchen. Er kreist sie ein, dreht sich um sie, macht sie fassbarer und selbst in ihrer Sperrigkeit liebenswert. Das Klima, das er vermittelt, ist eines, in dem menschliche Nähe und die Sehnsucht nach ihr umso dringlicher scheinen. Es ist ein Schweizer Klima auch, denn die Handlung spielt in Zürich, heute, in einem Zürich, das Andrea Staka aus einem ganz speziellen Blickwinkel betrachtet und in diesem noch einmal mit verschiedenen Blickwinkeln spielt. Die Filmemacherin führt uns insbesondere in der Titelfigur vor Augen, wie sehr wir uns in den Kleinigkeiten des Alltags von dem entfernen können, was wir eigentlich wollten und wie stark das, was wir ausstrahlen, zurückstrahlt. Das ganze Leben als eine Wechselwirkung. Es gehört zu den starken Momenten dieses Films, der in seinem Kern sich um die Frage nach Heimat dreht, den Moment des Zufriedenseins im Leben und darum, dass wir uns in Acht nehmen müssen, das Glück nicht zu verpassen, währenddem wir es suchen. Und die Suche nicht aufzugeben, auch wenn es sich nicht auf Anhieb zeigt. Auch wenn nicht jeder und jede dasselbe darunter versteht: Auf dem Weg dahin befinden wir uns alle. Ruza (die grossartige Mirjana Karanovic) ist eine 50-jährige Frau, die vor einem Vierteljahrhundert voller Hoffnung auf ein neues und besseres Leben aus Jugoslawien in die Schweiz gereist war. Heute hat sie nur noch eine Passion, das Geld. Ruza besitzt eine Betriebskantine in Zürich, die sie mit strenger Hand und finanziellem Erfolg führt. Ihr Leben besteht aus geregelten Abläufen: die Arbeit in der Kantine, das Zählen der Tageseinnahmen im Büro, das Abendbrot in ihrer kleinen Wohnung. Die Annäherungsversuche von Hauswart Franz (Andrea Zogg) lässt sie kühl abblitzen. Ruza hat sich in der Schweiz eine Existenz aufgebaut und denkt nicht daran, in ihre Heimat Serbien zurückzukehren. Ganz anders als die 60-jährige Mila, ihre langjährige Angestellte, die mit ihrer Familie seit Jahrzehnten in der Schweiz lebt und hart arbeitet, um sich bald den Traum vom eigenen Haus in Kroatien erfüllen zu können. Das geregelte Leben der beiden Frauen und der Alltag in der Kantine geraten aus den Fugen, als die 22-jährige Bosnierin Ana aus Sarajevo auftaucht. Ana, lebenshungrig, schön und eigenwillig, streift ziellos umher, auf der Flucht vor ihrer eigenen Vergangenheit. Der Krieg in Bosnien hat tiefe Spuren in ihr hinterlassen, die sie mit ihrer lauten und frohen Art zu überspielen versucht. Ana muss den Job in der Kantine aus Geldnot annehmen, sie arbeitet gut, stellt jedoch Ruzas strikte Ordnung in Frage. Ruza fühlt sich von Anas Impulsivität und Direktheit in ihrer Ruhe bedroht, gleichzeitig von der Lebensfreude der jungen Frau angezogen. Nicht zuletzt erinnert Ana sie daran, wie sie selbst einmal war.

Druckerfreundliche Version